Balsam im turbulenten Krankenhaus-Alltag

Juli 2016

Unsere Freunde rufen uns bei ihrem Dorfbesuch ganz aufgeregt an, dass sie hier eine junge Dorfhelferin plötzlich stumm und mit einem starren Blick und ganz verlangsamt angetroffen haben. Sofort wird sie zu uns gebracht und zeigt uns deutlich eine Wiegebewegung mit ihren Armen. Später können wir es so deuten, dass sie ein Kind wiegt. Auf ein Blatt Papier notiert sie für uns, sie möchte gerne ein Kind. Seit 6 Jahren ist sie verheiratet mit unerfülltem Kinderwunsch...

Zuhause bekommt sie Druck von den Schwiegereltern, bei denen sie wohnt. Ihr Sohn soll nun eine andere Frau heiraten, wenn sie kein Kind bekommt und fordern sie auf, zu gehen. Das hat in ihr so einen Schock ausgelöst, dass es ihr im wahrsten Sinne des Wortes, das Wort verschlagen hat. Dabei sitzt der Ehemann ganz zugewandt neben ihr und hält ihre Hand. Ein Liebespaar, jedoch für die Schwiegereltern nicht funktionsfähig, da die Reisfelder bearbeitet gehören und die Kinder die Eltern absichern müssen für die Zukunft… Wir wollen sie bei einem Gynäkologen vorstellen, um die Möglichkeiten abzuklären.

Das ist Armut!

Abends schaue ich die Befunde von unserem auswärtigem Sonographen durch und lese, dass eine Frau schon mehre Tage einen abgestorbenen Fetus im Bauch trägt. Ohne weitere ärztliche Versorgung anzuraten wurde sie wieder nach Hause geschickt. Nun müssen wir 3 Tage suchen, bis wir das Dorf gefunden haben. Unsere Sozialarbeiterin hat die längste Ausdauer beim sich Durchfragen.

Als sie zu Dritt ins Dorf kommen gibt es einen Auflauf, um zu erfahren was die Besucher wollen. Wir können jedoch nicht öffentlich das Problem ansprechen, da der Ehemann schon 2 Jahre sich davongemacht hat und sie bei ihrer Schwester lebt. Da sie jedoch starke Bauchschmerzen und Blutungen hat, wird es verstanden, dass wir sie mit ihrer Schwägerin mitnehmen. Bei uns machen wir rasch die Blutteste und ein befreundeter Gynäkologe nimmt sich ihrer gleich an und führt die Operation durch.

Auch hier muss die Notlüge her, dass der Mann weit weg ist und die Genehmigung zur OP nicht selbst geben kann. Ohne Genehmigung des Mannes kann keine OP durchgeführt werden. Jedoch hat sich dann herausgestellt, dass die Frau nicht einen abgestorbenen Fetus in der Gebärmutter hat, sondern einen Tumor, der entfernt werden muss. Aus lauter Angst und Unverständnis läuft die Patientin davon, bevor wir davon erfahren. Also müssen wir sie wieder suchen gehen und nach langem Zureden geht sie mit zu uns. Unsere Helferin Leena redet ihr einen halben Tag lang zu, um ihr zu erklären, wie sie gefährdet ist und wie dringend sie diese Operation braucht. Es stellt sich heraus, dass die Familie nicht einwilligt, da sie schon so viele Kosten verursacht hat, und diese doch irgendwie zurückzahlen soll. Die finanzielle Not wiegt schwerer als die Gesundheit des Familienmitgliedes. Als wir ein Teil der Kosten ersetzen, willigt sie ein und kann auch die notwendige Unterschrift der Familie bekommen. Unsere Helferin Leena bleibt an ihrer Seite auch im Krankenhaus, dass sie nicht wieder aus lauter Angst davon läuft. Wir müssen unsere Patienten regelrecht zu ihrer Genesung drängen… - das ist Armut!!!

Ist der Mond zu sehen?

Der Ramadan geht zu Ende und das Fastenbrechen steht an. Ein großes Fest, wo alle feiern und alle Ämter und Läden, sowie Schulen geschlossen bleiben und keine Busse fahren, d.h. für uns, unsere einzig verbliebene Krankenschwester (2 haben einen Regierungsjob bekommen, womit ein hoher sozialer Status verbunden ist und der Brautwert steigt) kann nicht mit dem Bus zur Arbeit kommen. Der Feiertag wird um einen Tag für alle verlängert, weil der Neumond durch die Wolkendecke am ersten Tag abends nicht zu sehen war (woran sich dieses Fest orientiert). Also fehlt unsere Schwester auch am nächsten Tag.

Wir hatten für unser Personal die Gehälter auf ihr Konto überwiesen, mit der Folge, dass am Zahltag alles Personal gemeinsam am Morgen das Krankenhaus verlässt, um auf der Bank in der Stadt ihr Geld abzuheben, um dann am Nachmittag wieder zurückzukehren. Keiner hatte dabei bemerkt, dass die Patienten alleine und unversorgt zurückbleiben.

Leena, die Seele unseres Krankenhauses

Meine frühere Gesundheitshelferin aus den Anfangsjahren in Ghosaldanga hatte sich in ihrem Garten durch einen Sturz eine Ellbogen-Fraktur zugezogen. Sie musste operiert werden, und wir konnten sie am Sonntag bei einem Orthopäden in Kalkutta behandeln lassen. Einen Tag später kam sie dann in unser Krankenhaus mit einer Oberarmschlinge. Im Röntgen konnten wir nur die die fehlenden Knochenteile erkennen ohne Stabilisierung. Also behielten wir sie bei uns, damit das Gelenk nicht instabil wird. Leena hat sofort ihre neue Rolle der klinischen Seelsorge erkannt und mit wahrer Begeisterung ausgefüllt.

Alle Eltern scharen sich um sie, und sie gibt Ratschläge über Pflege, gesunde Ernährung, Kindermassage, klärt Familienprobleme, betet mit Kindern, denen eine OP bevorsteht. Sie begleitet meine Ambulanzpatienten, erfragt die Krankengeschichte und erklärt es mir ausführlich wie einst vor 15 Jahren. Sie blüht auf und ich spüre ihre wahre Berufung. Sogar nachts beobachtet sie die Kinder, die unruhig schlafen und gibt mir morgens Report. Nebenbei gibt sie ihre Lebensweisheiten preis, die wie Balsam wirken in unserem turbulenten Krankenhaus-Alltag.

Ob die Operation noch einmal stattfindet...?

Wir haben im Dorf einen 5-jährigen Jungen gefunden, der eine ausgeprägte Hernie hat. Wir organisieren die Operation in einem privatem OP-Zentrum, jedoch erscheinen die Eltern nicht mit dem Kind, da sie sich in der Stadt nicht zurechtfinden. Sie kommen spät, als kein Arzt mehr vor Ort ist. Das nächste Mal organisieren wir selbst den Transport ins OP-Zentrum. Jedoch ist dann der Anästhesist nicht parat, um eine Kindernarkose durchzuführen. Einige Tage später kommen sie wieder und Shibnat klammert sich ganz ängstlich an mich, als wäre ich die einzige Trösterin in diesem Durcheinander. Langsam kann ich ihn beruhigen (ich kenne ihn schon von Säugling an) und Leena geht noch in unsere schöne Kapelle, um für ihn zu beten… Dann kann es nun endlich zur OP gehen…. Und zum Glück verläuft sie erfolgreich, am nächsten Tag holen wir ihn gleich wieder zu uns… In Leenas Arme, die auch ihm vertraut ist.

Wir haben einen neuen Kinderarzt

Unsere deutsche Langzeitärztin Christina hat nach einem Jahr unsere Station verlassen, wo sie so segensreich wirkte. Sie ist uns allen sehr ans Herz gewachsen und wir vermissen sie sehr. Nun haben wir dafür Iannis, einen Kinderarzt aus Griechenland, der gleich sehr gut Eingang gefunden hat und sich mit unseren Kindern und Müttern verbindet. Er wurde auch gleich mit einer Notfallsituation konfrontiert, die er wunderbar und pragmatisch gemeistert hat. Auch ist er schon in unserem indischen Männerteam gut aufgenommen.

Wir hatten auch Eva, eine deutsche Kinderkrankenschwester, bei uns, die ihr Herz sofort an die Kinder verloren hat und sie auf vielfältige Weise mit ihrer Liebe umsorgte.

 

Segensreich war auch wieder das Gärtner-Ehepaar Anne und Rolf bei uns. Sie haben reichlich Moringa geerntet und Pulver daraus hergestellt und viele neue Gemüsegärten angelegt. Auch haben sie eine proteinreiche Fertigbreimischung ausprobiert, welche den verbleibenden mangelernährten Kindern in den Dörfern angeboten werden kann.

TB-Patienten

Unsere Sozialarbeiter Debnath und Pampa sind ein eingespieltes Team und haben unsere TB-Patienten gut im Auge. Einmal im Monat werden alle zu einer gemeinsamen Seminarrunde einbestellt, wo eine ausführliche Aufklärung ihrer Krankheit und Nebenwirkung der Medikamente besprochen wird und sie von ihrem Krankheitserleben berichten können. Das wurde gut angenommen. Unsere schwer erkrankten TB-Patienten müssen wir zuhause aufsuchen und können sofort sehen, wie die ganze Familie ohne Einkommen nun in Not gerät. Mit kleinen Einkommens-Projekten für die Frauen wollen wir hier nun helfen.

Mina, unsere ehemalige schwer erkrankte TB-Patientin und nun wieder wohlauf, kommt regelmäßig zu uns, um alle Sorgen zu besprechen. Nun haben wir für all ihre 3 Kinder eine Schulausbildung inklusive Nachhilfe einfädeln können.

Kinder aus dem Nachbarstaat

Wir bekommen schon aus dem Nachbarstaat Kinder zugewiesen, wie Pritti, ein 2-jähriger Junge mit Hydrozephalus. Wir können für ihn eine Operation in Kalkutta organisieren, damit das Gehirnwasser über einen Shunt abfließen kann.

Eine große Freude ist es mitzuerleben, wie die mangelernährten Kinder bei uns gedeihen und rasch körperlich erstarken, wenn sie 5 mal am Tag eine nahrhafte Speisen bekommen. Auch die Mütter freuen sich über die Zuwendung an sie und kochen nun gemeinsam in der Küche die neue Kost für ihre Kinder.

In unseren Dörfern klären nun unsere Sozialarbeiter mit großen Postern über die die wichtigsten Krankheiten auf, um so die Menschen für ihre Gesundheit mehr zu sensibilisieren und zu aktivieren.

Das verlorene Schaf zu suchen ...

Deutlich habe ich doch auch wieder gespürt, dass es unsere Aufgabe ist, das verlorene Schaf zu suchen und seinem Heil zuzuführen.