Das Erdreich ist die Haut, und unser Wasser das Blut der Welt

Bericht März 2022

St. Mary- ein Gesundheitszentrum mit dem Menschen im Mittelpunkt

 

Ein 2-jähriges Kind kommt in die Ambulanz mit einer Verbrühung am Unterschenkel. Unser neuer pädiatrischer Arzt will es sofort in das staatliche Krankenhaus einweisen zur intravenösen Therapie. Notfallmäßig erhält es einen Verband. Nach telefonischer Rücksprache mit mir, lasse ich das Kind sofort wieder zu uns holen. Unser Gesundheitszentrum ist für die Santals ein Ort des Angenommen Werdens und der Geborgenheit. In der Vergangenheit hatten wir bereits viele Patienten mit Verbrennungen, und können hier auch eine sehr gute Versorgung leisten. Jedoch sind die Eltern mit dem Bus bereits wieder auf dem Heimweg zurück ins Dorf, sie haben das Angebot des Arztes nicht angenommen, zu befremdlich war ihnen der Aufenthalt in einem ihnen unbekannten überfüllten städtischen Krankenhaus. Also fahren meine Mitarbeiter spät abends ins Dorf und leisten große Überzeugungsarbeit, um dieses Kind nun bei uns direkt aufzunehmen. Endlich stimmen sie zu und die Wunde kann nun gut gesäubert und verbunden werden.

Die Krätzmilbe – ein ungebetener aber häufiger Gast

Unsere Volontärin Martina entdeckte beim Dorfbesuch einen Jungen mit einer Hautinfektion, Krätze und bestellt das Kind zu uns ins Krankenhaus ein. Als wir es näher untersuchten, war der ganze Körper betroffen und einige Stellen superinfiziert und voller Eiter. Unter Protest und Geschrei konnten wir das Kind waschen und desinfizieren. Als wir dann alles eingecremt und verbunden hatten, war das Kind plötzlich ganz friedlich und stand geduldig bereit, die Behandlung anzunehmen…Die Mutter sah keine Notwendigkeit zur Behandlung! Martina und Jayanta behandelten die Krätze täglich mit einer Neem-Kurkuma Paste, so konnten sie die natürlichen Kräfte von Naturheilpflanzen der Mutter und unseren Krankenschwestern wieder vertraut machen.

Wenn Ehen scheitern

Eine frühere Dorfhelferin erscheint ganz betrübt und bittet um Hilfe, Ihr Ehemann hat sie aus dem Haus entlassen, eine neue Frau geheiratet und ist nun mit den Kindern in ein neues Dorf gezogen, wovon sie keine Kenntnis hat. Sie möchte ihre Kinder zurück und bittet uns um Hilfe. Wir versuchen es über eine indische Hilfsorganisation. Auch sucht sie dringend Arbeit, um sich über Wasser zu halten. So wollen wir sie als Putzhilfe bei uns anstellen.

Infektionen mit langfristigen Folgen

In Bishnubati hat eine Frau akut eine unklare Lähmung der Arme und Beine bekommen. Wir brachten sie in unser Hope Hospital nach Kalkutta. Eine Guillain Barre Lähmung wurde festgestellt, welche eine Folge von Infektionen zB. bakteriellen Darminfektionen oder Covid-19 sein kann. Es war eine Infusionstherapie möglich, die auch gut bei ihr ansprach. Als wir sie wieder zu Hause besuchten, hat sie eifrig mit Armen und Beinen unsere Krankengymnastik Übungen mitgemacht und war nicht mehr zu stoppen vor lauter Freude! Auch für uns wie ein Wunder nach den anfänglichen schlechten Laborergebnissen! Auch unser Kinderneurologe Dr. Swapan nahm sich für sie Zeit, um die bestmögliche Behandlung sicherzustellen.

Die Angst vor Corona scheint vergessen

Ganz wie in Zeiten vor Corona, wurden wir wieder täglich von 50-70 Patienten in unserer Kinderambulanz aufgesucht. Trotz starker Hitze nahmen die Mütter dankbar unsere Hilfe an und fühlen sich bei uns angenommen und verstanden. Auch das Vorsorgeprogramm für die Neugeborenen ist fest etabliert. Selbst die Tierwelt scheint sich in unserem Gesundheitszentrum recht wohl zu fühlen: als unser Drucker defekt war, und wir ihn auseinandernahmen, fanden wir 2 haselnussgroße Eier von einem Geko (Eidechse) dort abgelegt…

    

Permakultur – permanente Kultur, der Anfang unserer Zukunft

Caroline hat in Indien an einem Permakultur Seminar teilgenommen und sich begeisternd in diese Materie eingearbeitet. Wir schickten auch unseren Landwirt Srikanta mit, um möglichst viel Wissen umsetzen zu können.

Wenn wir unserer Erde helfen sich zu heilen, anstatt sie auszubeuten, dann kann auch der Mensch nur gesunden. Zurück bei uns hat Caroline sogleich unseren lokalen Gärtner Nilu begeistert, und gemeinsam zogen sie alle Dorfhelfer in den Bann. Erdproben von Küchengärten und Anbauflächen wurden mit allen Sinnen analysiert, und die verschiedenen Strukturen erfasst. Erde ist keine tote Substanz, sondern eine lebende Einheit von unzählbaren Organismen. Wie unsere Haut durch einen Sonnenschirm, so muss die Erdoberfläche mit Laub oder Stroh geschützt sein, um Leben zu beherbergen. Nur eine lebendige Erdoberfläche ist eine gesunde. Permakultur ist bestrebt Ertrag anders zu definieren. Nicht der alleinige Profit des Menschen steht im Vordergrund, gleichermaßen gilt es dem Tierreich und dem Erdreich etwas zurückzugeben. Artenvielfalt und native Spezies müssen erhalten werden. Kommerzialisierte Landwirtschaft beutet fruchtbare Böden aus und hinterlässt Brachland, Permakultur beginnt mit kargen Böden und bringt das Land zurück ins natürliche Gleichgewicht. Jedes Land kann fruchtbar sein, man darf es nur nicht vernachlässigen, so wie auch nur der Mensch, dem Aufmerksamkeit geschenkt wird, sein Potenzial entwickeln kann. Nur sich selbst-regulierende (regenerative) Systeme können langfristig stabil sein. Der Gedanke der Permakultur entwickelte sich in den 70er Jahren durch David Holmgren und Bill Mollison, als Gegenbewegung zur Grünen Revolution der 60er. Wir wollen nun in unseren Küchengärten, aber auch auf den ungenutzten Begrenzungen der Reisfelder verstärkt Prinzipien der Permakultur einfließen lassen. So kann die Ringelblume zukünftig als natürliche Schädlingsabwehr unserer Gemüsebeete fungieren und zugleich Bienenvölker unterstützen, Mischkulturen und saisonaler Fruchtwechsel bieten erhöhte Stabilität gegenüber Insektenplagen und verbessern die Bodenfruchtbarkeit und Stickstofffixierer sollen bewusster gepflanzt werden. Neben der Schulung der Dorfbewohner über Kompostvarianten, können auch Hügelbeete und andere natürliche Formverläufe mit der Zeit Einzug finden. Zumindest konnten wir einen sprühenden Funken setzen und Achtsamkeit sähen. Selbst der Priester war so begeistert, dass er in seinem laufenden Retreat Caro zur Schulung seiner Schützlinge in der Kirche engagierte.

Auch wurden Bioenzyme aus Limetten-Abfällen zum Waschen angesetzt. Bioenzyme sind ein Produkt anaerober Bakterien und entstehen aus Gemüse-oder Obstschalen durch Fermentation. Die indische Seifennuss „Rita“ kann ähnlich wie unsere heimische Kastanie als Seife benutzt werden. Bioenzyme gewonnen aus Bananen- oder Papaya Schalen können als natürliches Pflanzenschutzmittel in der Verdünnung 1:50 genutzt werden. Bioenzyme aus Ingwer-und Limettengras ergeben einen schmackhaften Essig der als Salat-Dressing genutzt werden kann und der Darmgesundheit hilft.  Das Prinzip ist einfach: Stets das Verhältnis 1 (Molasse): 3 (organisches Material) : 10 (Wasser) ansetzen und 90 Tage unter regelmäßigem Belüften abwarten. Der zweite Ansatz klappt bereits in 30 Tagen. Abfall kann somit wieder vollen Nutzen erlangen „from waste to wealth“.

Familienplanungs-Awareness stößt auf großes Interesse bei unseren Frauen im Dorf

Wir hatten auch Martina aus Dresden wieder bei uns, die voller Begeisterung den weiblichen Zyklus und Methoden zur Familienplanung in den Dörfern mit einem schönen Modell und gut verständlichen Gedankenbildern vortrug. Zwischendurch wurden Yogaübungen praktiziert, um alles Gelernte auch gut aufnehmen zu können. Durch ihre motivierende und einfühlsame Art kamen deutlich mehr Frauen zu unserer Gebärmutterhalskrebs-Vorsorge. Die alternativen Methoden zur Schwangerschaftsverhütung wurden gerne genutzt. Selbst die Menstruationstassen fanden gut Anklang. Martina war unermüdlich bei der Hitze früh morgens und spät abends in den Dörfern unterwegs und hatte stets eine interessierte Frauengruppe um sich geschart. Auch unser Priester begrüßte die Aufklärung über natürliche Familienplanung und den weiblichen Körper innerhalb des laufenden Retreats.

 

Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“

(Matthäus 25, 40)