Wie eine große Familie – Ein Einsatz voller Herz und Hingabe

November 2025

 

Bei Ankunft in Kalkutta fuhren wir gleich in ein Onkologisches Zentrum, um für unsere 2-jährige Disha mit Gehirntumor die nötige Therapie zu besprechen. Wir haben dort einen bekannten Onkologen, der uns bevorzugt und kostenfrei behandelt, nicht nur das, sondern uns auch an die weiteren Spezialisten vermittelt. So bekommt nun dieses Kind eine Chance auf Heilung, wie uns der Kinderonkologe zusagte. 

Jedoch sind die Kosten immens und wir können dort nach Sponsoren anfragen. Das ist ein langer Weg, jedoch unser Koordinator Debashis scheut keine Mühe, sich bestimmt -höflich- mahnend bei den zuständigen Sozialstationen einzusetzen, als ob es um sein eigenes Kind ginge. So etwas sind die Mitarbeiter dort nicht gewohnt und öffnen uns ihre (Herzens)-türen. Dieser Einsatz wäre für den Vater, der aus einem ländlichen Dorf kommt und dieses moderne Krankenhaus kaum betreten mag, unvorstellbar!!

 

Debashis wachsen Flügel, wie er sich für dieses Kind einsetzt.

Im Gebet bitte ich, dass auch viele der bedürftigen und hilflosen Patienten kommen, was sofort erhört erscheint. Arjun, ein 11-jähriger Junge kommt mit Fieber und schwer krank zu uns. Seit 6 Wochen geht er nicht mehr in die Schule und liegt im Bett. Er ist deutlich geschwächt und hat hohe Entzündungswerte im Blut. Nach mehreren Untersuchungen stellt sich heraus, dass er mehrere dicke Lymphknoten in der Lunge und im Bauchraum hat. Wir vermuten Tuberkulose. Seine Mutter meint, sie wäre mit ihrem Mann auch schon früher hier gewesen, und wir hätten bei ihm die Tuberkulose diagnostiziert und behandelt, was jetzt bei ihrem Sohn wieder sich so zeigt. Die Tuberkulose-Medikamente sind nicht mehr in der Apotheke käuflich, nur noch bei staatlichen TB-Stellen. Dort können wir den zuständigen Arzt überzeugen, die TB-Behandlung zu beginnen.

Ein junges Mädchen, 18 Jahre, erscheint in unserer Ambulanz mit ihrem Ehemann, beide Schüler. Es war eine Liebesheirat und von den Eltern toleriert. Sie ist seit 4 Wochen plötzlich halbseitig gelähmt und kann nur noch undeutlich sprechen. Im CT zeigt sich ein Hirninfarkt, was in diesem Alter sehr ungewöhnlich ist. So müssen wir nach der Ursache suchen. Zum Glück hat sie keinen Herzfehler. Unser Neurologe nimmt sich ihrer an. Der junge Ehemann erscheint sehr liebevoll und besorgt um sie. Gewöhnlich laufen die Männer davon, wenn die Frau krank wird. Durch tägliche Physiotherapie erholt sie sich doch recht schnell und spricht auch wieder deutlicher.

Wir haben diesmal unser Ernährungswissenschaftlerin Daniela dabei, die das Fermentieren in den Dörfern weiterführt, was gut ankommt und den Kindern auch gut schmeckt. So wollen wir das Mikrobiom verbessern und die Anämien besser bekämpfen.

 

Bei der Auswertung unseres Ernährungs-und Vorsorgeprogramm sahen wir eine deutliche Verbesserung der Anämie-Rate (Kinder mit einem Hb unter 10g%): von 53 % auf 23% gesenkt. 

Somit ist unser Dorfprogramm erfolgreich. Sie hat außerdem NutriMix-Workshops in den Dörfern für die Mütter von Kindern über zwei Jahren organisiert, die den Getreide-Porridge nicht mehr von uns erhalten. So können sie die Zutaten selbst weiter kaufen und NutriMix eigenständig für ihre Kinder zubereiten. 

Bei der Dorfsprechstunde wartete geduldig ein Mann, bis wir fertig waren. Seine Frau habe eine Verletzung am Bein und könne nicht kommen und bittet uns, in seine Hütte zu kommen. Dort sitzt eine ältere Frau mit einem offenen Bein, wobei die Wadenmuskulatur aufgelöst und nur noch Sehnen in der Wunde sichtbar sind, auch riecht es stark nach infiziertem abgestorbenem Gewebe. Die Frau will nicht in ein Krankenhaus, so säubern und verbinden wir die Wunde und geben ein Antibiotikum und versuchen durch den Nachbarn sie zu überzeugen, dass sie in ein Krankenhaus muss. 

In einem anderen Dorf halten wir die Sprechstunde im Hof einer Hütte, wo sich neben Hühner und Ziegen zahlreiche Patienten eingefunden haben. Ein Mann erzählt ganz stolz, dass er Schlangenhalter sei und zuhause 4 Kobras in einem Korb hat. Wir drängen ihn diese doch abzugeben, da eben in diesem Dorf ein Kind bereits von einer Schlange in unserem Beisein gebissen wurde und auch verstarb. Er sagt nur ganz stolz, dass er die 4. Generation sei, die diesen besonderen Dienst  mit den heiligen Tieren tun darf! Er habe jedoch die Giftzähen entfernt.

Diesmal waren auch das Ärzte Ehepaar Waltraud und Martin Merkle wieder dabei. Wir wurden zu verschiedenen abgelegenen Gemeinden eingeladen, um dort in der Kirche, ein medizinisches Camp durchzuführen. Das heißt, eine offene Kirchen-Türe und alle Kranke aus den umliegenden Dörfern durften kommen. 

 

An einem Tag waren es 240 Patienten, eine nicht enden Patientenschlange, die weit auf die Straße hinausreichte. Wir haben unsere Medikamente mitgebracht und konnten auch eine kleine Diagnostik durchführen, um Diabetes, Bluthochdruck und Anämie rasch zu erkennen. Durch die Mangelernährung haben alle Kinder eine Anämie.  

Viele Ältere kommen gebeugt und mit Rückenschmerzen, zum Verstehen müssen wir nur nach draußen schauen, dann sehen wir, wie die Frauen den ganzen Tag in gebückter Haltung im Reisfeld arbeiten. Wir haben aber besonders die schwerer Erkrankten herausgefischt und dann bei uns im Krankenhaus weiterversorgt. Eine Frau mit einem Brustknoten wurde gleich am nächsten Tag von uns zur Biopsie gebracht… Sehr dankbar verabschieden uns Priester und die Patienten.

Höhepunkt war der runde Geburtstag von Waltraud. Als Überraschung organisierten wir ein Fest mit unseren Angestellten und Patienten. Es wurde Tanz und Gesang eingeübt. Ganz wichtig ist die Geburtstagstorte, die an jeden der 60 Teilnehmer verteilt werden muss. Beginn am Abend mit einer Fußwaschung und durch Blumenblüten wurden Waltraud und Martin ins Fest Zimmer geführt, wo sie den Kuchen dann anschneiden durften. 

Zuerst tanzten die Köchinnen, dann eine Einzelvorstellung unserer Krankenschwester Mathilda, ungeahnte Talente, zeigten ihr Können. Die Töchter von Satya und Debashis, gaben einen klassisch indischen Tanz und ein Geigensolo als Programm. Der Neffe von Satya, ein begabter Tablaspieler kam mit einem Mitstudenten, der klassische Tagore-Songs darbot. Natürlich tanzten auch die Patienten und die Kinder drehten sich mit im Takt. Waltraud hat ein Flötensolo mit deutscher Barockmusik aufgewartet, was alle sehr erstaunte und erfreute. Ärzte, Krankenschwestern, Fahrer, Putzfrau, mangelernährte und behinderte Patienten feierten voller Freude miteinander. Abschließend gab es für alle ein reichhaltiges Abendessen, was für viele ungewohnt ist. Wir waren alle ganz erfüllt von diesem herzlichen kulturellen Miteinander… wie eine große Familie!

Daniela hat mit unseren Dorf-Gesundheitshelfer ein Theaterstück eingeübt, um die Konsequenzen einer frühen Heirat aufzuzeigen. Sehr lebendig wurde dargestellt, welche Lasten auf ein junges Mädchen warten, wenn sie früh eine Heirat eingeht, eine große Familie mit 8-10 Personen versorgen muss, auf dem Feld arbeiten und dann auch bald schwanger wird. Meist wird die Schulbildung abgebrochen und das Armutsrad dreht sich erneut. Die jungen Zuschauer im Dorf verstanden den Hintergrund. Wichtig war es zu zeigen, dass ein enges Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und junge Heranwachsende einen Schutz bildet.

Im Juli haben wir begonnen, unseren eigenen Food Forest nach Permakultur-Prinzipien und dem Guide von Silvi aufzubauen. Bei unserem Besuch waren wir erstaunt, wie viel Leben dort inzwischen entstanden ist. Es wächst bereits eine bunte Vielfalt an Gemüse wie Karotten, Radieschen, Kürbis, Tomaten, Blumenkohl und Kartoffeln sowie viele Obstbäume wie Mango, Papaya und Banane – und natürlich auch Moringa-Bäume für unsere Moringa-Kekse. Wir dürften auch schon die erste Ernte verkosten: alles rein organisch, ohne Pestizide angebaut, für die gesunde Versorgung unserer Patienten im Krankenhaus.

Dankbar und staunend schauen wir wieder auf Gottes Wirken in unseren täglichen Bemühungen.

2025_11 Indien-Bericht.pdf
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