Neues Leben drückt durch

Bericht November 2019

Ein Bündel Leben

Als erste Neuigkeit bekam ich erzählt, dass unsere Sorgenfamilie von Chobi, ein neues Familienmitglied bekam, welches in unserem Krankenhaus zur Welt kam. Die Mutter hat kurz vor der Entbindung unser Gesundheitszentrum aufgesucht und bekam akut Wehen. Jedoch waren Feiertage (Durga-Puja), und keine Ärzte waren erreichbar. Als unsere Krankenschwester Mathilda unseren Koordinator anrief, empfahl er ein TukTuk zu bestellen, um sie rasch ins Regierungskrankenhaus zu chauffieren. Unser Radiologe setzte sich dann lieber selbst ins Auto um sich zu überzeugen, dass der Transport reibungslos stattfinden würde. 

Jedoch als er ankam, war das Kindlein bereits geboren …ging wie von selbst-einfach so!!!... Als Debashis ankam, hatte der Vater das Kind im Arm und die Mutter lief nebenher ihm entgegen- mit nicht durchtrennter Nabelschnur…sie sollten ja in das städtische Krankenhaus gehen! Das Kind wog gerade 1,7 kg und wusste, dass es atmen und trinken muss zum Überleben.

 

Die Entfernung eines Tumors führt eine Familie wieder zusammen

Am Morgen erscheint eine 25 jährige Frau mit einem riesigen Tumor im Bauch. Nach dem Sonographiebericht handelt es sich um einen Ovar-Tumor, der bereits über 40cm angewachsen ist und den Bauch stark nach außen wölbt. Ihr Mann vermutete eine fremde Schwangerschaft und hat sie aus seinem Haus verbannt

Sie kam bei einer Tante unter, die sie nun zu uns brachte. Wir organisierten gleich die Verlegung in ein Krankenhaus in Kalkutta, wo Diagnostik und Operation stattfinden konnte, was diese Frau niemals alleine hätte ermöglichen können. Wir hatten gerade den Dorfhelfer aus ihrem Dorf da und klärten das Missverständnis auf. Am nächsten Morgen erschien die Schwiegermutter mit ihrem Kind aus diesem Dorf, um sie noch vor dem Transport nach Kalkutta zu besuchen und um Verzeihung zu bitten. Bei der Operation wurde dann ein 8,4 kg schwerer Tumor aus dem Bauchraum entfernt….zum Glück gutartig.

Das traurige Lied der Tuberkulose

Am nächsten Morgen sitzt ganz zusammengekauert ein Häuflein Mensch am Krankenhauseingang. Ganz abgemagert bis auf die Knochen hustet er nun schon seit langem und kann auch nicht mehr essen. Wir machen gleich die Diagnostik auf TB und versuchen ihn aufzupäppeln, damit er so schnell wie möglich seine TB-Medikamente bekommen kann. Dieses Bild wiederholt sich am nächsten Morgen mit einer Frau. Sie kommen erst sehr spät und arbeiten auf den Feldern so lange es noch geht bis sie ganz entkräftet darniederliegen und dringend einen Samariter brauchen, der sie  dann zum Arzt führt.

Nach dem Kampf mit der Tuberkulose wartet eine neue Lebenschance

Unser 22 jähriger junger Mann Gopal mit Hirnhaut-Tuberkulose hat sich mittlerweile so gut erholt, dass er schon wieder laufen kann und nur noch etwas undeutlich spricht. Gleich mobilisieren wir einen Mitpatienten Robin, der mit ihm Sprechübungen macht. Robin -selbst an Tb erkrankt und dankbar dass er wieder auf den Beinen ist- hilft überall, wo er kann, in der Hoffnung, dass wir ihn behalten, denn zu Hause wartet nur seine geistig kranke Mutter auf ihn und er selbst hat zu wenig Schulbildung, um sich eine Zukunft zu gestalten. Robin bekommt Nachhilfe bei uns und wir haben ihn nun in der Schule nebenan angemeldet. Der Priester von nebenan hat ein Internat und kann ihn später beherbergen …so wird die Krankheit auch zur neuen Lebenschance!!

Der Priester, der eine Schraube locker hat…

Bei der Sonntagsmesse bemerke ich, wie der Priester schmerzgeplagt in die Kirche eintritt und stark humpelt. Dennoch hält er enthusiastisch eine 2-Stunden-Predigt. Nach der Kirche spreche ich ihn draußen an, ob er nicht morgen zu uns ins Krankenhaus kommen wolle, zur Abklärung seiner Beschwerden. Dabei stellte sich heraus, dass er nach einem Motorradunfall eine multiple Oberschenkelfraktur hatte, die mit Schrauben und Platten versorgt worden war. Eine Schraube war nun abgebrochen, wanderte und hatte sich im Hüftgelenk dann festgehakt und eine heftige Entzündung verursacht. Gleich konnte die entlastende Operation zur Entfernung der Schraubenteile   organisiert werden.

Gott ist so gut zu mir…

Eine Mutter-Teresa-Schwester kommt zu uns in die Ambulanz, um ihren Blutzucker zu messen. Er ist bei 345mg%... also viel zu hoch...Sie lehnt Medikamente ab. Sie will es mit Heilpflanzen versuchen und komme in 2 Wochen wieder zur Kontrolle. Sie meint, Gott sei so gut zu ihr... und verbreitet eine sprühende Freude um sich herum, dass alle sich begeisternd ihr zuwenden, dem kleinen leichtfüßigen 72 jährigen Engel…14 Tage später ist der Nüchtern-Zucker schon viel niedriger, jedoch nach dem Essen anhaltend zu hoch… nun können wir sie überzeugen, dass Gott uns die Medikamente an die Hand gegeben hat, um sie einzusetzen…auch für sie…

Wink des Schicksals

Auf dem Weg ins Krankenhaus sehen wir eine Mutter mit einem Kind mit Lippen-Kiefer Gaumenspalte, welches wir bereits mehrmals bei uns stationär hatten und zur Korrektur-OP vorgesehen hatten. Wir halten an und fragen nach: Das Kind hatte wieder hohes Fieber und trinke nicht und so nahmen wir sie gleich mit. Die Mutter ist sehr arm, nachdem ihr Mann an einem Schlangenbiss gestorben war und sie nun allein durchkommen muss. Bei uns stellte sich dann eine schwere Pneumonie heraus und das Kind entwickelte eine Sepsis, so dass es ein Glück war, dass wir die Mutter am Straßenrand entdeckten und mitnahmen.

 

Die Parasiten sitzen fest

In einem Dorf sahen wir eine Frau mit einer ausgedehnten Pilzinfektion, die superinfiziert den ganzen behaarten Kopf als auch Nacken zu einem Eitersee verwandelte. Es roch fürchterlich und sie war ganz verzweifelt vor brennenden Schmerzen. Also nahmen wir sie mit, duschten und desinfizierten sie und versuchten mit mehreren Infusionen der Infektion beizukommen. Dann nach 2 Tagen war am Hinterkopf noch ein Eiterherd übrig, aus dem nun mannigfaltig Würmer heraus und wieder hineinkrochen. Es handelte sich um eine Filariose.

 

Zu viele Patienten - Alltag in Indiens Krankenhäusern

In unserer Ambulanz erscheint eine ganz abgemagerte Mutter mit ihrem 3 jährigen Kind, das einen künstlichen Darmausgang hat wegen einer angeborenen Analstenose. In einem weit entfernten Unikrankenhaus sollte die Rückverlegung des Enddarmes vorgenommen werden. Mehrere Anläufe dort scheiterten, da diese Klinik einfach überfüllt ist und nicht alle Patienten behandeln kann. Nun steht sie weinend vor uns. Wir spüren ihren Kummer und fragen mal näher nach. Es stellt sich heraus, dass der Ehemann Selbstmord begangen hat und sie nun allein bei einem Onkel untergekommen ist, der sie eigentlich nicht versorgen kann. Also nehmen wir sie erst einmal mit Kind auf und versuchen, die notwendige Operation zu organisieren.

 

Medizinisches Camp – ein voller Erfolg

Für den Sonntag ist nach der Kirche ein Medical Camp angesagt. Der Priester fragte uns, ob wir nach dem Gottesdienst  dort die Santals mit ihren Krankheiten versorgen wollen, da sie meist keinen Arzt aufsuchen können. Also sagen wir zu, organisieren die vermeintlichen Medikamente und unser ganzes Personal … Es stellten sich dann 130 Patienten vor mit allerlei Krankheiten, die wir notdürftig versorgten und dabei auch viele Wunden und Geschwüre verbanden. Der Priester war zufrieden und belohnte uns anschließend mit einem leckeren Mahl und meinte, das nächste Mal würden sicher noch mehr kommen?!?

Auch der Zahnarzt darf nicht fehlen

Vom deutschen Konsulat in Kalkutta bekamen wir einen Zahnarztstuhl gesponsert, der rasch mit unseren Kindern eingeweiht wurde…sehr viele haben eine ausgeprägte Karies, was weniger mit dem Zuckerkonsum, als mit dem Mineralmangel und  der Mangelernährung zusammenhängt.

Volontäre treu an unserer Seite

Als Volontäre hatten wir die Kinderärztin Conny bei uns, welche die Neugeborenen Untersuchungen vornahm und unsere stationären Kinder betreute...rasch hatte sie die Kinder in ihr Herz geschlossen...ebenso unser Studentin der Ernährungswissenschaft Lisa aus Hohenheim, die sich um die Hygiene in der Küche kümmerte und unsere Patientendaten auswertete. Auch haben sie fleißig Unterricht für die Dorfhelfer gegeben und im Dorf die Kinder untersucht…ganz freudig.

Wenn eine Tür sich schließt, öffnet sich eine andere...

Als mal wieder die finanzielle Lage ins Wanken kam, meinte der hiesige Priester sehr deutlich: Wenn eine Türe zu geht, geht eine andere auf….dies allein spendete mir schon Trost…jedoch geschah es dann genau so, indem er mich mit dem Bischof und der Diözese verlinkte, wo ich mit offenem Ohr mein Anliegen vortragen konnte und auf weitere Hilfe hoffen kann. So führt Gott uns durch das indische administrative Dickicht, das wir kaum lichten können…. Und dankbar dürfen wir staunen und Ja sagen zu seinem Plan….

„Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Matthäus 25, 40)  

Neues Leben drückt durch!
Bericht zum Download, November 2019
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