Junge Mütter-schwache Kinder

November 2021

Unsere Eisentherapie und Zusatznahrung zeigt Wirkung

Während des Lockdowns haben wir im September 2020 bei 80 % der Kinder unter 3 Jahren in unseren Dörfern eine Anämie (Hb <10g%) festgestellt. Wir haben unsere Ernährungsprogramme begonnen, mit Eisenpräparaten für Kinder unter 2 Jahren und ältere, wenn sie unter Hb 10g% lagen. Begleitend erhielten alle Kinder eine Getreide-Milchbrei-Mischung, die dann mit Früchten oder Gemüse aus dem angelegten Küchengarten angereichert wurden. Unsere Dorfhelfer als auch Sozialarbeiter besuchten regelmäßig die Kinder in den Familien und betreuten das Ernährungsprogramm. Kranke Kinder wurden zu uns ins Krankenhaus gebracht. Im Februar´21 waren bei der Nachuntersuchung noch 50% der Kinder mit einer Anämie.

Neue Vorsorge für 4- bis 6-jährige Kinder in unseren Dörfern

Bei den Vorsorge Untersuchungen der 4-bis 6-jährigen Kinder gestaltet sich die neurologische Prüfung etwas schwierig, da die Kinder solches nicht gewohnt sind. Mit Hilfe eines Balles gelingt es die Scheuheit rasch zu überwinden und plötzlich zeigen sich temperamentvolle Kinder, die zuvor ganz brav dasaßen. Im Dorf gelingt es nur in der Gruppe, sie zum Mitmachen zu motivieren, was aber dann für alle in ein fröhliches Umherhüpfen mit viel Gelächter mündete, das dann kein Ende nehmen wollte. Wir haben in 12 Dörfern überprüft, wie die 4-6-jährigen Kinder durch die Coronazeit gekommen sind. Es waren 18 Monate keine Kindergärten und Essenszentren geöffnet, ebenso fehlte es den Eltern an Einkommen, da sie ihre Arbeitsstelle verloren haben. Jedoch konnten wir feststellen, dass die angelegten Gemüsegärten eine Hilfe waren, ebenso unsere Essenspakete.

Illegale Kinderehen nehmen während Corona wieder zu

Auch die Schwangerenversorgung war beeinträchtigt, so dass die Neugeborenen ein Geburtsgewicht zwischen 1,5kg und 2,5 kg meist nur aufwiesen. Durch den fehlenden Schulunterricht gab es in den höheren Klassen Abbrüche, da die Heranwachsenden versuchten durch Feldarbeit dazuzuverdienen und dadurch den Anschluss an das Lernen verloren. So zeigen sich auffallend viele jung Verheiratete, wo nun 15-jährige Mütter mit ihren Neugeborenen in unserer Sprechstunde auftauchen. So auch Fulmoni (15-Jährig), die bei uns wegen rheumatischer Arthritis behandelt wurde und Robin, der 17-jährig, knapp mit dem Leben davon kam nach einer fortgeschrittenen Knochentuberkulose. Beide, ineinander verliebt, verschwanden in einer Nacht- und Nebelaktion aus dem Krankenhaus. Robin hatte sich bei Fulmoni´s Familie eingerichtet, mit schlechtem Gewissen rannte er dann fort- und sie untröstlich wollte sich etwas antun. Unser lokaler Priester wurde gerufen, der die beiden wieder einfangen konnte. Fulmoni´s Mutter nahm beide dann offiziell zuhause auf und präsentierte mir gleich Anfang November das Neugeborene, das gut gediehen, jedoch mit Dauerinfekt nun bei uns im Krankenhaus liegt (mit Mutter). Viele Eltern haben aufgrund der Corona-Pandemie keine Arbeit mehr, und hoffen durch eine verfrühte Hochzeit auf finanzielle Entlastung.

Neugeborenen Vorsorge wurde erfolgreich erweitert

In 30 weiteren Dörfern haben wir für Neugeborene und Säuglinge bis zu 6 Monaten eine Vorsorge eingeführt und bilden die Dorfhelfer darin aus, die Mütter für eine gesunde Entwicklung anzuleiten. Dies macht uns allen viel Freude, da die kleinen Kinder noch so rein und offen für jede liebevolle Zuwendung sind und sie spontan mit einem Lächeln quittieren. Die Hämoglobin Werte liegen bei allen meist unter 10g% (moderat bis stark anämisch) und die Kinder müssen mit Eisengaben ergänzt werden.

 

Vergiftungen durch Pestizide und Mangelernährung der Mutter - neurologischen Störungen im ungeborenen Kind

In unserer neurologischen Sprechstunde mit Dr. Swapan haben wir wieder ein breitgefächertes neurologisches Krankheits-Spektrum gesehen. Verschiedene Formen von Muskeldystrophie, als auch Gehirnfehlbildungen, die aus der Schwangerschaft stammen und die ungeschützte Situation der Schwangeren zeigen. Sie müssen auf dem Feld arbeiten, unter Pestizideinsatz bis zur Entbindung und sind selbst auch mangelernährt. Die Frauen wiegen kaum über 45kg. Einige Kinder können wir stationär aufnehmen und eine Physiotherapie durch eine unsere Krankenschwestern anbieten. Unsere medizinischen Geräte wie z.B. EEG sind immer mal wieder außer Gefecht, da Stromschwankungen und feucht-heisse Wärme ihnen zusetzten.

Existenzängste und Hungersnot

Bedingt durch die langen Schulschließungen von 18 Monaten hat sich im Dorfleben einiges verändert. Bei einer Sprechstunde im Dorf fragen wir nach einer unserer Patenfamilie, deren alleinstehende Mutter 3 Mädchen ernähren muss. Sie selbst war stets auch krank und ausgezehrt, nun hat sie zugenommen und wirkt erleichtert. Sie hat 2 Töchter verheiratet, eine davon 14-jährig, welche noch wie ein Kind aussieht. Sie will nicht mehr zurück zur Schule, sondern wird nun im Haushalt des Mannes und dessen Eltern arbeiten. Die Mutter ist froh, nun hat sie zwei Esser weniger in ihrer Hütte. Gleiches erleben wir bei einem unserer Tb Patienten, der schon 6 Monate bei uns stationär ist. Es kommt sein Vater und erklärt, dass er ihn nicht zuhause halten kann, da er für ihn kein Essen übrig habe…das macht schon sehr bedrückt wie groß die verborgene Hungersnot ist. Ungewöhnlich für diese Jahreszeit hat die Klimaveränderung einen Zyklon gebracht, der einen Großteil der Reisernte zerstört hat. Reis ist gerade nach der Coronakrise die wichtigste Nahrungs- als auch Einnahmequelle, zumal sich die Preise für Grundnahrungsmittel verdreifacht haben. Es gehen „ASHA worker“ (staatliche Gesundheitshelfer) durch die Dörfer und notieren alle Impfwilligen für das Corona Vakzin, die dann eine Impfung im naheliegenden Gesundheitszentrum erhalten sollen. Es sei nun genügend Impfstoff für alle vorhanden.

 

Affenbande

Auf unserer Krankenhausterrasse turnen 2 große Affen herum und setzten sich beobachtend auf die Mauer. Unser Mitarbeiter Jayanta erzählt mir lebendig die Geschichte vom Affenkönig Hanuman. In diesem Augenblick werden die Affen wild und rasen polternd einher, springen gegen Fenster und Türen und hangeln sich an der Wasserleitung empor, drehen sich wild und reißen die Wasserleitung ab, was zu einem Wasser Rohrbruch führt, der uns dann weiter beschäftigt. Beim Nachbarhaus wird der Wassertank am Dach kurzerhand von ihnen herabgestürzt, worin sie sich dann baden.

Tuberkulose Patienten zurück in unserer Sprechstunde, Schlangenbiss und Herzfehler

Eine Frau kommt in die Sprechstunde, schwankend und verlangsamt sprechend. Sie wurde von einer Kobra gebissen und es war kein Antiserum verfügbar, so dass sie froh sein darf mit dem Leben davongekommen zu sein. Säuglinge mit schweren Pneumonien haben wir stationär. Auch finden wir wieder vermehrt TB-Patienten, welche während der Corona Pandemie nur erschwert ausfindig zu machen waren. Ein 17-jähriges Mädchen mit einem Pleuraerguss und reichlich Ascites (Wasseransammlung im Bauch) stellt sich vor. Aus ihren Befunden entnehmen wir eine akute Herzerkrankung (kongestive Kardiomyopathie). Bei der letzten Untersuchung in der Uniklinik wurde sie als gesund nach Hause geschickt. Wir können sie in unser christliches Krankenhaus nach Kalkutta verlegen, wo sie von Kardiologen versorgt wird. Das konnte ich noch auf meinem Rückweg zum Flughafen in die Wege leiten.                                                                                                                  

Auch verteilten wir wieder Kinderkleider im Dorf, was eine große Freude bereitete.

Dankbar bin ich für die gut ausgefüllten Tage und berührt mit welcher Freude und Demut, Mütter ihren Alltag meistern, trotz der kargen Mahlzeit. Mein Team verbindet sich mit den stationären Patienten wie eine Großfamilie und gestaltet Schule und Musik für die Kinder. Wir spüren tagtäglich, dass wir unter Gottes Führung unseren Weg gehen dürfen.

      „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“

(Matthäus 25, 40)