Corona-Zeit nach der zweiten Welle

Armut in ihren verschiedenen Schattierungen

In unserer Ambulanz erscheint eine Frau mit einem stark mangelernährten Kind, 2 Jahre alt und es wiegt gerade 6 kg. Es schaut wach aus seinem schmalen Gesicht, als ob es mit den Augen seinen Hunger ausdrücken wolle. Mit seiner Entwicklung ist es deutlich zurück, kann nicht stehen oder laufen. Als ich das Kind in unser Ernährungsprogramm stationär aufnehmen will, wehrt die Frau ab, sie sei die Tante und die Mutter habe nach einem Familienstreit Suizid begangen und nun habe sie alle 5 Kinder dieser Familie bei sich aufgenommen, da der Vater im Gefängnis sitzt. Er wird ungehört für den Suizid verantwortlich gemacht. Also vereinbare ich mit der Mutter, dass sie wöchentlich kommt und eine Nahrungsportion für die Kinder bei uns abholt.

Dem Problem der mangelnden Konfliktbewältigung begegnen wir immer wieder. Einer meiner Mitarbeiter darf seine Frau nicht mehr aufsuchen, da sie sich von seinen Eltern gekränkt fühlte. Neun Monate solle er sich von ihr nun fernhalten. Wir setzten uns alle ein, die Frau wieder zu besänftigen, damit ihr Ehemann sie wieder sehen darf, was nach 2 Monaten gelungen war.

 

Unser Krankenhaus ist wieder gut besucht

Bei unserer Schwangeren-Vorsorge finden wir immer wieder junge Mütter mit schwerer Anämie, wie Sumita (Hb bei 6,5), was mit der Nahrungsnot während des Lockdowns zusammenhängt. Die Dorfbewohner konnten nicht mehr zur Arbeitsstelle und damit fehlt Einkommen und Nahrung. Unsere neue Sozialarbeiterin Soni konnte die Dörfer weiter besuchen und zusammen mit unserem Team Seife, Masken und Nahrungspakete verteilen. Kranke Kinder und Mütter brachten wir mit unserem Ambulanzbus in unser Krankenhaus, um sie dort zu versorgen. Es ist ein großes Vertrauen entstanden, so dass in der Nach-Corona Phase, die Mütter mit ihren Kindern zahlreich unsere Ambulanz aufsuchen. Unsere stationären Ernährungsprogramme und die Frauensprechstunde werden dankbar in Anspruch genommen, da die staatlichen Vorsorgeprogramme noch nicht wieder angelaufen sind. Eines Morgens vermissen wir bei voller Ambulanz unsere Apothekerin, die noch in ihrer Stadt festsitzt, da alle lokalen Busse wegen eines religiösen Festes abberufen sind für die Festgäste, sie also auf ein langsames TukTuk umsteigen muss.

Hydrocephalus, -in Indien leider meist zu spät oder gar nicht behandelt

Es erscheint eine Mutter mit ihrem 3 Monate alten Kind mit einem Wasserkopf. Der Kopfumfang war nach er Geburt rapide angewachsen. 

Es stellte sich heraus, dass der große Kopf bereits in der Schwangerschaft im Ultraschall aufgefallen war. Eine Vorstellung in Kolkata in einem neurochirurgischen KH konnte sie sich nicht leisten, als auch nicht bewältigen, da wegen der hohen Patientenzahlen, die Santals oft wieder ohne Behandlung nach Hause geschickt werden, um später wieder zu kommen, was dann oft nicht mehr möglich ist. Wir konnten das Kind in unser Belegkrankenhaus nach Kolkata fahren, wo die Operation eines Shunts durchgeführt wurde.

 

Wir bleiben eine Herzensangelegenheit für unseren Kardiologen

Seit 4 Jahren bereits besucht uns regelmäßig ein Kardiologe aus einem Herzzentrum, um unsere Kinder mit einem verdächtigen Herzgeräusch mittels Ultraschall zu untersuchen. Von 10 Kindern, die er geschallt hat, haben 9 einen Herzfehler und 6 benötigen eine Operation. Er kommt trotz seines übervollen Arbeitspensums, zu uns, da er sagt, wenn eine deutsche Kinderärztin 8000km weit kommt, dann kann er wohl auch 100 km heranfahren. Kostenfrei untersucht er unsere Kinder. In seinem Herzzentrum erhalten sie dann zu reduzierten Kosten Aufnahme und Operation. So bekommen unsere Dorfkinder die unerwartete Chance einer lebenserhaltenden Operation.

Der barmherzige Samariter

Es erscheint der lokale Priester in unserer Ambulanz und bringt eine Mutter mit ihrer 17-jährigen Tochter, die sich hilfesuchend an ihn gewandt haben. Der Mann ist verstorben und die Mutter hat 3 Kinder zu ernähren. Diese Tochter habe einen Tumor und sie wissen nicht weiter. Es stellt sich bei der Blutuntersuchung heraus, dass sie eine Leukämie hat. Sie war bereits in einem Regierungskrankenhaus, wo sie einen unbeschriebenen Arztbrief erhielt, auf welchem tatsächlich außer den Patientendaten nur ein Stempel zu sehen war. Es lohnt sich nicht für die Armen Befunde zu notieren, sie sollen selber schauen, wie sie weiterkommen. Es ist unmöglich für sie, in Kalkutta in den überfüllten Krankenhäusern an eine Therapie zu kommen. Wir konnten sie bei uns aufnehmen und am nächsten Tag in unsere Referenzklinik Hope Hospital in Kalkutta einweisen, wo sie wegen Blutungsneigung dringend behandelt werden musste. Erst danach konnte eine Knochenmarkpunktion und Diagnosesicherung stattfinden. Mittlerweile ist sie unter Chemotherapie und wir hoffen, dass sie gut anspricht. Der Priester wieder einmal als barmherziger Samariter! Am nächsten Tag hat er diese Chance erneut genutzt, mich im Krankenhaus kurzerhand abgeholt und zu einem schwerkranken Patienten ins Dorf gebracht.

Als vertrauter und stetiger Partner trägt unser Kinderneurologe unsere Arbeit mit

Am Sonntag kommt unser Kinderneurologe Dr. Swapan aus Kalkutta zur Sprechstunde, um 5 Uhr morgens fährt er los, damit um 11 Uhr bei uns die Sprechstunde beginnen kann. Kostenlos gibt er sein breites Wissen an unsere Kinder weiter, wo ihm viele mit Epilepsie und neurologischen Auffälligkeiten dann vorgestellt werden können. Seit 12 Jahren steht er uns freundschaftlich zur Seite und ist in unserem indischen Verein SEI seit Gründung dabei. 

Dennoch gibt es immer wieder fragliche Krankheitsbilder, die eine Herausforderung sind. Ein 2½ jähriges Kind mit ausgesprochener Muskelhypotonie und Rachitiszeichen, aber ohne passende Laborbefunde dazu, gibt uns Rätsel auf, das er dann im Unizirkel besprechen will. Ein Kind in der Familie sei bereits daran verstorben.

 

Unser schüchterner Fahrer setzt sich mutig für unsere Patientin ein 

Von unserem Gesundheitshelfer wurde die Schwester gebracht, die unter einer starken Blutung während der Menstruation litt, welche auch in verkürzten Abständen kam. Ich schaute in ganz blasse Augen und ihre Fingernägel waren weiß, ebenso ihre Handteller. Als wir den Hämoglobinwert gemessen hatten, war er gerade 1,7g%. Unglaublich, dass diese Frau noch laufen konnte. Wir brachten sie gleich ins Regierungskrankenhaus zur Bluttransfusion, wo sie erstmals abgewiesen wurde, da der Aufnahmearzt es nicht glaubte. Forsch machte ihn unser (schüchterner) Fahrer verantwortlich für den Fall ihres möglichen Sterbens, somit gelang die Aufnahme und sie bekam gleich 2 Bluttransfusionen. Mit Hb 4,2 wurde sie entlassen und wir nahmen sie bei uns auf zur weiteren Therapie.

Für unseren weiteren Weg vertrauen wir fest in Gott

Es stand auch ein rauer Wind ins Haus, da die Ordensschwestern ihre Zusammenarbeit mit uns aus juristischen Gründen nicht so weiterführen können und wir gemeinsam mit unserer Sr. Pheelima (welche mit uns das Krankenhaus aufbaute) nach Lösungen suchen, die von der Ordensleitung dann angenommen werden können. Dabei vertrauen wir auf unsere Vision, ein Haus der Nächstenliebe, das von Gottes Hand geleitet, in dieser Form des Dienstes an den Armen weiterbestehen soll.

 

 

 „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“

 

(Matthäus 25, 40)